rowohlt wunderlich
Gerade hatte ich die lesenswerte Kurzgeschichte „Der Wendepunkt“ beendet, die zur Einstimmung des lange erwarteten, neuen Einsatzes von Dr. David Hunter kürzlich erschienen war, wo es schon mal einen „Vorgeschmack“ auf den siebten Thriller um den forensischen Anthropologen gab.
Nachdem ich nun „Knochenkälte“ in Gänze genossen habe, gibt es hier einen kleinen Einblick, worum es aktuell geht:
Ein „Auftrag“ bzw. ein Hilfeersuchen die Cumbria Police bei einem Fall zu unterstützen, führt David Hunter von London aus in eine ihm unbekannte Gegend. Er gerät bei eisigen Temperaturen in einen Sturm, der nicht nur seine Sicht beeinträchtigt, sondern sein Navi ausfallen lässt und nur ein schmaler Weg ihn immer weiter höher in eine Gebirgslandschaft führt. Umdrehen ist keine Option und nach einer Irrfahrt durch Sturm und Regen landet er in dem kleinen Ort Edendale, wo die Bewohner ihn nicht unbedingt mit offen Armen empfangen, Fremde mag man hier offenbar nicht. Auf der Suche nach einer Unterkunft landet er dann in dem heruntergekommenen Hillside House, einem ehemaligen Hotel, dessen Bewohner ihn mitten in der Nacht auch nicht besonders herzlich empfangen, ihm aber ein Zimmer zur Verfügung stellen.
Am nächsten Morgen ist zwar das Unwetter abgezogen, aber die Schäden, die es hinterlassen hat, zwingen David Hunter dazu für unbestimmte Zeit vor Ort zu bleiben, denn die einzige Straße, die rein oder raus aus dem Ort führt, ist von den Regenmassen weggespült worden…
Um den Kopf etwas frei zu bekommen, macht Dr. Hunter einem Spaziergang in dem nahegelegenen Wald. Der Sturm hat hier eine Schneise der Verwüstung hinterlassen, wobei selbst riesige Bäume entwurzelt wurden und schon allein der Anblick dieser Zerstörung lässt den Spaziergänger innehalten. Als er sich dabei ein wenig umschaut, entdeckt er im Wurzelwerk eines alten Baumes ein menschliches Skelett. Bei genauem Betrachten, erkennt er, dass die Wurzeln des Baumes schon durch die Knochen hindurchgewachsen sind, was ihn vermuten lässt, dass dieser Körper hier bereits viele Jahre verborgen lag, bis das Unwetter ihn freigelegt hat….
Oben am Fundort gibt es kein Handynetz und auch im Hotel oder im Ort selbst scheitert der Versuch die Polizei zu alarmieren bzw. überhaupt jemanden auf seinen unfreiwilligen Aufenthalt aufmerksam zu machen, denn die Strom-/Telefonverbindungen in Edendale sind unterbrochen.
Was sich nach dem Bekanntwerden des Skelettfundes im Wald alles weiter ereignet und mit was für ungehobelten, aufbrausenden, undurchsichtigen und zur Gewalt bereiten Dorfbewohnern es David Hunter hier zu tun bekommt, werde ich nicht verraten.
Einmal mehr beweist Simon Beckett, wie er seine Leserschaft einfangen kann.
Er schwört eine unheimliche Atmosphäre herauf, die sich langsam steigert und durch seine bildhafte Beschreibung der Szenerien, kann ich mir vorstellen, dass bei dem einen oder anderen in Erinnerung an das Gelesene, Spaziergänge im Wald mit einer Gänsehaut behaftet sind.
Die Personen, die einem in diesem Ort begegnen, sind gut beschrieben, man kann sie sich vor Augen führen, wobei ich keinem wirklich begegnen würde wollen.
Unheimliche, düstere und ganz besonders lebensbedrohliche Situationen verlangen von David Hunter wieder mal alles ab und man kann nur den Hut ziehen, dass er mit soviel Leidenschaft immer noch für seinen Beruf brennt.
Fazit: Alles in allem bekommt der aktuelle „Hunter“ von mir die volle Punktzahl für unheimliche Spannung, die einen von Anfang bis Ende in den Bann zieht und Gänsehautmomente garantiert, aber auch Lust auf mehr macht.
Heyne
Letztes Jahr habe ich von der Autorin den Thriller „Unsterblich“ gelesen, wo man als Leser starke Nerven brauchte.
Nun ist ihr neues Werk mit dem Titel „Verirrt“ erschienen. Das Buchcover gefällt mir gut, denn die dargestellte Szene mit einem Boot, das auf einem nebelverhangenen Waldsee schwimmt, nimmt in der Handlung einen wichtigen Part ein.
Die Gesamthandlung setzt sich aus unterschiedlichen Sichtweisen/Handlungssträngen zusammen, die die Autorin mit „Überschriften“ versehen hat, sodass das Einordnen keine Schwierigkeiten bereitet.
Anfänglich „begleitet“ man Felizitas, die mit ihrer neunjährigen Tochter Vicky in einer Nacht- und Nebelaktion vor ihrem gewalttätigen Ehemann flieht. Der Ort, wo die beiden Unterschlupf finden, liegt tief im Wald verborgen an einem See. Dort lebt Felizitas Mutter Beatrix, die sich der alternativen Medizin verschrieben hat und als eine Art „Kräuterhexe“ in der Gegend bekannt ist. Mutter und Tochter hatten seit vielen Jahren keinen Kontakt und Vicky war bisher nicht bekannt, dass sie eine Oma hat. Doch in ihrer Not hofft Felizitas, dass sie hier vor ihrem Mann in Sicherheit ist…
Das Zusammenleben gelingt den dreien einigermaßen. Das alte Haus ist besonders nachts unheimlich, denn in den Wänden knistert und raschelt es, sodass nicht nur Vicky schlecht schläft und von düsteren Dingen träumt. Felizitas erinnert sich an die unheimlichen Geschichten, die ihre Mutter ihr immer erzählt hat. Diese Geschichten bekommt nun auch Vicky zu hören, damit sie nicht allein in den Wald geht. Dort gibt es eine Höhle, deren Betreten absolut verboten ist, genau wie das geheimnisvolle Zimmer im obersten Stockwerk des Hauses. Auch der nahegelegene See soll so manches düstere Geheimnis haben.
Im Verlauf lernen Felizitas und Vicky den Förster des Waldes kennen, der in einem recht baufällig wirkenden Haus in der näheren Umgebung wohnt. Er kommt etwas merkwürdig daher und scheint irgendetwas zu verbergen.
Aus diesen Zutaten hat die Autorin einen spannenden Thriller geschrieben, für den man allerdings gute Nerven braucht, denn unheimliche und nervenaufreibende Szenerien gibt es hier reichlich.
Von Anfang an schwebt eine angespannte Atmosphäre über dem Geschehen. Teilweise weiß man nicht genau, ob die Geschehnisse nicht nur im „Kopf“ der gerade erzählenden Figur passieren oder einen realen Bezug haben.
Nachdem ich nun die gesamte Geschichte kenne, kann ich sagen, alle Puzzlesteinchen haben ihren Platz gefunden und ergeben Sinn, aber lassen im Nachhinein einem immer noch die Nackenhaare hochstehen.
Anmerken möchte ich noch, dass ich mit den erwachsenen „Figuren“ so meine Schwierigkeiten hatte, teils konnte ich ihr Handeln nicht nachvollziehen und Sympathiepunkte bekommt auch niemand von mir.
Der Thriller erhält von mir vier von fünf Punkten und meine Leseempfehlung für nervenstarke Thriller-Fans.
Fazit: Düster, unheimlich und nervenaufreibend kommt dieser lesenswerte Thriller daher!
Goldmann
Hörverlag
Vor zwei Jahren habe ich „Der Junge aus dem Wald“ von Harlan Coben gelesen. Handlungsmäßig ging es darum, dass man einen ca. fünfjährigen Jungen „entdeckt“ hatte, der allein für längere Zeit im Wald gelebt hat. Er erinnerte sich nicht an seinen Namen, konnte keine Angaben machen, woher er kam und wie er in den Wald gekommen ist. Man nimmt sich seiner an, er lebt fortan in einer Pflegefamilie und wird „Wilde“ genannt. Als Erwachsener ist er ein erfolgreicher Privatdetektiv…
Ich muss gestehen, das Buch hatte mich etwas enttäuscht, denn den sonst so fesselnden Erzählstil des Autors, den ich aus vielen seiner Bücher kenne und sehr schätze, habe ich damals vermisst, genau wie die Klärung der Fragen zu Wildes Identität und Vergangenheit.
Nun ist der neue Thriller des Autors mit dem Titel „Was im Dunkeln liegt“ erschienen und zu meiner großen Überraschung ist es die Fortsetzung des oben erwähnten Buches:
Wilde ist immer noch ein Einzelgänger und mittlerweile um die 40 Jahre alt. An seiner Vorliebe für das Leben im Wald hat sich nichts geändert.
Was ich im ersten Buch inhaltlich vermisst hatte, nimmt diesmal Formen an, denn Wilde beschäftigt sich mit seiner Vergangenheit und der Frage wer seine Eltern sind.
Durch eine Internet-Website, die anhand von „DNA-Abgleichen“ familiäre Verbindungen aufzeigt, gibt es einen vielversprechenden Treffer, der auf ein nahes Verwandtschaftsverhältnis zu Wilde hindeutet. Eine erste Kontaktaufnahme verläuft dann aber ganz anders als erwartet und wirft mehr Fragen auf, als dass Wilde welche beantwortet bekommt. Dann bricht der Kontakt ab, weswegen Wilde anfängt zu recherchieren und sich dann auf die Suche nach dieser Person macht. Dabei gerät er mit dem Gesetz in Konflikt, weswegen sogar das FBI auf ihn aufmerksam wird…
Die Handlung führt in die Welt der Reality-Shows, den dort agierenden Menschen und die dazugehörige Social-Media-Welt, wo mit Klatsch, Tratsch oder auch Fake-News völlig unbekümmert umgegangen wird, man über daraus resultierende Konsequenzen nicht nachdenkt, auch wenn dabei ein“Menschenleben“ auf der Strecke bleibt…
Beim Eintauchen in diese „Scheinwelt“ muss man ganz genau aufpassen, damit man nicht den roten Faden verliert, denn was hier wahr oder falsch ist, kann man bald nicht mehr unterscheiden…
Wenn dies nicht schon genug „Input“ für den Leser ist, dem sei gesagt, es kommt noch mehr dazu, was ich aber nicht im Einzelnen aufzählen möchte…
Alles in allem kann man sagen, dass diesmal tatsächlich viele offene Fragen beantwortet werden, es aber immer noch ein paar Lücken gibt.
Der Spannungsbogen schankt auf und ab durch das Gros an Informationen, den vielen Mitwirkenden und der ständigen Frage, bekommt man hier die Wahrheit oder eine Lüge präsentiert…
Insgesamt hat mir dies Buch auf jeden Fall besser gefallen, als das vorherige. Was man hier letztendlich über Wildes Vergangenheit und die Suche nach seiner Identität erfährt, ist interessant, bewegend und spannend aufgeschrieben, auch wenn noch ein paar Lücken geschlossen werden könnten.
Doch die oben aufgeführten „Unebenheiten“ sind doch etwas störend und sie behindern den Lesefluss, weswegen ich hier drei von fünf möglichen Punkten vergebe.
Da mir auch die gekürzte Hörbuch-Version von „Was im Dunklen liegt“ vorliegt, muss ich sagen, die bekommt noch einen Punkt dazu, denn mit Detlef Bierstedt, der seine markante Stimme u.a. ja auch George Clooney „leiht“ und Gabriele Blum ist hier eine tolle und passende Sprecherauswahl getroffen worden.
Durch ihre gekonnte Vortragsweise lassen diese beiden Sprech-Profis hier die Handlung lebendig werden und sie schaffen es tatsächlich, dass man der wendungs- und inhaltsreichen Geschichte gut folgen und die unterschiedlichen Handlungsstränge besser einordnen kann, was ein großer Pluspunkt ist, weshalb ich die Hörbuch-Version bevorzuge und mir in dieser Form auch noch eine weitere Fortsetzung mit „Wilde“ vorstellen könnte.
Fazit: Die Fortsetzung der Reihe ist wesentlich interessanter und spannender geraten, hat aber zu viel „Input“, worunter der Spannungsbogen leidet.
Die Hörbuch-Version mit Detlef Bierstedt und Gabriele Blum als Sprecher-Duo ist eine sehr gute Wahl, denn durch ihr stimmliches Knowhow wird der Inhalt klarer, verständlicher und das richtige Einordnen gelingt leichter, was ein großer Pluspunkt ist, weshalb ich diese „Buch-Form“ priorisiere und vier von fünf möglichen Punkten vergebe!